Tiefe
Gleiches Kapitel, drei Tiefen. Die Wahl gilt überall und bleibt gespeichert.

GrundlagenGrundkursKapitel 08von 16 im Pfad

Was ein Modell weiß, und woher

Tiefe 1: Überblick · Lesezeit 7 Min. · Stand

In Kapitel 07 ging es darum, woran Sie eine erfundene Angabe erkennen. Hier steht einer der Gründe, warum es überhaupt so weit kommt: Das Wissen eines Modells hat ein Ende, und das Modell merkt es von allein nicht.

Alles, was es weiß, hat es einmal gelesen

Das Training ist ein abgeschlossener Vorgang. Über Monate läuft Material durch ein sehr großes Rechenwerk, und am Ende steht eine Datei mit Zahlen. Diese Zahlen heißen Gewichte, und sie sind der gelernte Teil des Modells. Was sonst noch dazugehört, damit daraus Antworten werden, steht in Kapitel 01.

An dieser Datei ändert Ihr Gespräch nichts. Auch nicht, wenn Sie stundenlang mit ihm arbeiten, es korrigieren, ihm etwas beibringen. Was im Gespräch wie Lernen aussieht, ist Lesen: Alles, was Sie schreiben, steht im Kontext dieser einen Anfrage. Schließen Sie das Fenster, ist es weg.

Der Hersteller kann die Zahlen sehr wohl ändern, und er tut es. Ein Modell bekommt Nachfolger, und es gibt Verfahren, die eine vorhandene Datei auf eigene Beispiele abstimmen (Beurteilen und Einordnen, Kapitel 02). Beides geschieht außerhalb Ihres Gesprächs und dauert länger als eines.

Das Modell selbst hat also nie etwas gespeichert, das es vergessen könnte. Die Anwendung darum herum kann es durchaus, und die Werkzeuge fürs Arbeiten tun es an mehreren Stellen: in einer Projektanweisung, in eigenen Notizen, in einer Wissensbasis daneben. Welche Orte das sind und wer sie füllt, steht in Vibe-Coding / Agentic Engineering, Kapitel 05. Wo es diese Orte nicht gibt, erklären Sie dieselbe Sache in jedem neuen Chat erneut.

Der Stichtag

Irgendwann endet der Text, der ins Training ging. Dieser Zeitpunkt heißt Knowledge Cutoff, und die Anbieter geben ihn an. Drei Beispiele, abgerufen am 31.07.2026:

ModellKnowledge Cutoff
Claude Opus 5Mai 2026
GPT-5.616. Februar 2026
Gemini 3.6 FlashMärz 2026

Diese Zahlen veralten schnell, das Verfahren dahinter nicht. Für alles, was danach geschah, taugt keines der drei Modelle als Auskunft: kein Wahlergebnis, kein neues Gesetz, keine Version einer Software, die seither erschienen ist. Und was noch wichtiger ist: keine Korrektur an etwas, das es vorher gelesen hat.

Eine Mauer ist der Stichtag dabei nicht. Einzelnes von danach kann durchaus dastehen, aus Gründen, die in der dritten Tiefe stehen. Als Zusicherung taugt er in beide Richtungen wenig.

Warum das Modell es selbst nicht weiß

Naheliegend wäre, einfach zu fragen. „Bis wann reichen deine Daten?“ Sie bekommen darauf eine Antwort, oft mit Monat und Jahr, und sie klingt, als käme sie aus dem Modell.

Bei den Claude-Modellen kommt sie nachweislich von außen. Anthropic veröffentlicht deren Systemanweisungen im Wortlaut, und dort steht der Stichtag als Vorgabe, wie jede andere Anweisung auch. In der Systemanweisung zu Claude Opus 5 (externe Seite, platform.claude.com) heißt es, das verlässliche Wissen reiche bis Ende Mai 2026, und darüber hinaus könne Claude nicht verlässlich antworten.

Der Text geht weiter und regelt gleich mit, was das Modell tun soll, wenn eine Frage jenseits davon liegt: Es soll sagen, dass es das so oder so nicht wissen kann, und auf die Websuche verweisen.

Damit ist die Frage nach dem Stichtag keine Frage an das Modell. Sie ist eine Frage an den Zettel, den ihm jemand hingelegt hat. Wer wissen will, wo solche Zettel sonst noch hängen, findet das in Kapitel 05.

Das Wissen eines Modells endet nicht an einer Kante, es dünnt aus. Was danach liegt, muss mitgegeben werden. Eine Zeitachse: Senkrechte Striche stehen für gelesenen Text und werden nach rechts seltener, zwei Marken nennen die beiden Stichtage, die Anthropic für dasselbe Modell angibt. Der Verlauf hat keine Skala. GELESENER TEXT Januar 2025 VERLÄSSLICH BIS Juli 2025 DATEN BIS sechs Monate nur über den Kontext Der Hersteller nennt den früheren der beiden Tage. Über das Jüngste ist am wenigsten geschrieben worden.

seitlich verschiebbar

Die Gewichte stehen fest. Alles Frische muss den Weg über den Kontext nehmen.

eigene Darstellung, Stand 31.07.2026

Drei Wege, wie Neues hineinkommt

Wenn das Modell nichts dazulernt, wie kommt es dann an Aktuelles? Von Ihrer Seite aus auf drei Arten, und alle drei laufen über dieselbe Stelle.

Sie schreiben es hin. Der direkteste Weg. Was in Ihrer Frage steht, ist da.

Sie geben eine Datei mit. Ein Dokument, eine Tabelle, ein Bild. Meist liest die Anwendung den Text aus und legt ihn dazu. Bei Bild und Ton geht es auch ohne diesen Umweg: Was ein Modell auf einem Bild sieht und was ein PDF dabei kostet, steht in Kapitel 13, der eigene Weg des Tons in Conversational AI, Kapitel 02.

Die Anwendung schlägt nach. Websuche, eine Firmenablage, eine Datenbank. Ein Programm sucht, findet, und schiebt das Gefundene in dieselbe Anfrage.

Der dritte Weg ist der, den man am ehesten für Zauberei hält. Er ist es am wenigsten: Das Modell surft nicht. Ein Programm sucht, und was es findet, steht dann in der Anfrage, als hätten Sie es selbst hineinkopiert.

Eine Quelle liegt außerhalb dieser drei, und Sie haben sie eine Überschrift weiter oben schon gesehen: die Anweisung des Anbieters, in der bei Claude der Stichtag steht. Sie füllt dieselbe Stelle, nur schreibt dort jemand anders.

Alle drei enden im Kontext. Keiner erreicht die Gewichte. Deshalb ist alles Nachgeschlagene beim nächsten Gespräch wieder weg, und deshalb belegt es jedes Mal aufs Neue Platz im Fenster. Was die Gewichte erreicht, ist ein Verfahren für sich, und darum geht es in Beurteilen und Einordnen, Kapitel 02.

Woran Sie es merken

Ein Modell sagt selten von sich aus „das war nach meiner Zeit“. Es antwortet lieber, und zwar in derselben ruhigen Tonlage wie sonst. Drei Anlässe, bei denen sich Nachsehen lohnt:

Sie fragen nach etwas Frischem. Ein Produkt von letzter Woche, eine Personalie, eine Version. Hier fehlt dem Modell die Grundlage am ehesten, und hier ist es am schnellsten geprüft.

Die Antwort nennt eine Version oder ein Datum. Beides veraltet, und beides klingt nachgeschlagen, auch wenn es das nicht ist.

Es steht kein Beleg dabei. Kam die Auskunft aus einer Suche, steht meist eine Fundstelle daneben. Fehlt sie, ist die Herkunft offen: aus den Gewichten, aus Ihrer eigenen Frage oder aus einer Suche, die ihre Fundstellen für sich behält. Nur im ersten Fall ist die Angabe so alt wie das Training, und welcher Fall vorliegt, sagt die Antwort selten.

Wo das keine Rolle spielt

Bei allem, was nicht vom Kalender abhängt, ist der Stichtag gleichgültig. Ein Text soll umformuliert, eine Gliederung geordnet, eine Rechtschreibung geprüft, eine Idee weitergedacht werden: Dafür braucht es keine Nachrichten von gestern. Die Frage nach dem Wissensstand stellt sich dort, wo eine Antwort etwas über die Welt behauptet.

Quellen

13 Einträge, davon 2 Schlüsselarbeitenalle erreichbar

Erreichbarkeit automatisch geprüft

  • SchlüsselarbeitOriginalarbeiterreichbar

    Anthropic, System Prompts (externe Seite, platform.claude.com)

    platform.claude.comgeprüft 24.09.2026

    Anthropic veröffentlicht die Systemanweisungen der Claude-Modelle im Wortlaut. Im Prompt zu Claude Opus 5 vom 24.07.2026 steht der Knowledge Cutoff als Anweisung von außen: „Claude's reliable knowledge cutoff, past which it can't answer reliably, is the end of May 2026.“ Zwei Sätze weiter wird geregelt, was bei späteren Ereignissen zu tun ist, nämlich zu sagen, dass es das nicht wissen kann, und auf die Websuche zu verweisen. Der Stichtag kommt damit nicht aus dem Modell, er wird ihm mitgeteilt. Abgerufen am 31.07.2026.

  • SchlüsselarbeitDokumentationerreichbar

    Anthropic, Web search tool (externe Seite, platform.claude.com)

    platform.claude.comgeprüft 24.09.2026

    Die Dokumentation zum Suchwerkzeug, die den Weg des Nachschubs technisch ausschreibt: Suchergebnisse werden in das Kontextfenster geladen und als Eingabe-Token abgerechnet, in jeder Suchrunde und in jedem weiteren Gesprächszug erneut. Damit ist belegt, dass nachgeschlagene Inhalte im Kontext landen statt im Modell.

  • Dokumentationerreichbar

    Anthropic, Models overview (externe Seite, platform.claude.com)

    platform.claude.comgeprüft 24.09.2026

    Anthropics Übersicht aller Modelle mit Kontextfenster, Preis, Abschaltdatum und den zwei Stichtagen. Die Legende unter der Tabelle definiert beide: den verlässlichen Knowledge Cutoff als den Tag, bis zu dem das Wissen des Modells am umfangreichsten und verlässlichsten ist, und den Trainingsdaten-Stichtag als die weitere Spanne der verwendeten Daten. Ein Verfahren, wie der erste bestimmt wird, nennt die Seite nicht.

  • Dokumentationerreichbar

    OpenAI, Models (externe Seite, developers.openai.com)

    developers.openai.comgeprüft 24.09.2026

    OpenAIs Modellverzeichnis, das je Modell genau einen Knowledge Cutoff als eigenes Feld führt. Für die drei Stufen der Generation 5.6 steht dort der 16.02.2026. Eine Entsprechung zu Anthropics Zweiteilung in verlässliches Wissen und Trainingsdaten gibt es hier nicht, was selbst eine Auskunft über die Angabe ist. Abgerufen am 31.07.2026.

  • Dokumentationerreichbar

    Anthropic, How up-to-date is Claude's training data? (externe Seite, support.claude.com)

    support.claude.comgeprüft 24.09.2026

    Der Hilfeartikel für Endnutzer, der die Stichtage der Claude-Modelle auflistet. Er weicht von der Entwicklerdokumentation desselben Hauses ab und vermischt dabei die beiden Stichtagsarten, die dort getrennt geführt werden. Für Haiku 4.5 nennt er Juli 2025, die Doku führt Februar 2025 als verlässlich und Juli 2025 als Trainingsdaten.

  • Originalarbeiterreichbar

    Google DeepMind, Gemini 3.6 Flash Model Card (externe Seite, deepmind.google)

    deepmind.googlegeprüft 24.09.2026

    Googles Modellkarte vom 21.07.2026, die den Knowledge Cutoff nennt und im selben Satz einschränkt, dass er nicht für alle Themengebiete gilt. In manchen Bereichen reiche das Wissen nur bis Januar 2025. Damit sagt ein Anbieter selbst, dass ein Stichtag keine Kante ist.

  • Dokumentationerreichbar

    Anthropic's Transparency Hub (externe Seite, anthropic.com)

    anthropic.comgeprüft 24.09.2026

    Anthropics Transparenzseite, die je Claude-Modell die Herkunft der Trainingsdaten benennt. Der Vergleich zweier Generationen auf derselben Seite ist der eigentliche Fund. Für Sonnet 4.5 stehen fünf Herkünfte einzeln da, darunter „data from Claude users who have opted in to have their data used for training“. Für Sonnet 5 sind es drei zusammengefasste, die eingewilligten Nutzerdaten kommen darin nicht mehr vor, dafür maschinell erzeugte. Abgerufen am 31.07.2026. Beim jüngsten Modell auf derselben Seite, Claude Fable 5.1, stehen Nutzerdaten („user data“) wieder in der Aufzählung, ohne den Zusatz über die Einwilligung (abgerufen am 23.09.2026).

  • Originalarbeiterreichbar

    Google DeepMind, Gemini 3 Pro Model Card (externe Seite, storage.googleapis.com)

    storage.googleapis.comgeprüft 24.09.2026

    Googles Modellkarte, Modellfreigabe November 2025, zuletzt geändert Mai 2026. Zwei Belegstellen: Der Abschnitt Known Limitations führt den Knowledge Cutoff Januar 2025 in derselben Liste wie Halluzinationen. Der Abschnitt Training Dataset zählt sieben Herkünfte der Trainingsdaten einzeln auf, darunter lizenzierte Daten, Daten aus Google-Produkten und maschinell erzeugte Daten.

  • Dokumentationerreichbar

    GPT-5 System Card (externe Seite, arxiv.org)

    arxiv.orggeprüft 24.09.2026

    OpenAIs Begleitdokument zum Modell, Dokumentdatum 13.08.2025. Der Abschnitt zu Halluzinationen nennt die eigene Messung, nach der das denkende Modell 65 Prozent seltener falsche Tatsachenbehauptungen aufstellt als der Vorgänger, und führt daneben einen Prüfsatz, der ausdrücklich das Enthalten bei unbeantwortbaren Fragen bewertet. Abschnitt 2, Model Data and Training, fasst die Herkunft der Trainingsdaten in einem einzigen Satz zusammen und nennt drei Quellen, wo Googles Modellkarte sieben einzeln aufführt.

    Archivfassung (externe Seite, web.archive.org)

  • Dokumentationerreichbar

    Anthropic, Web fetch tool (externe Seite, platform.claude.com)

    platform.claude.comgeprüft 24.09.2026

    Die Dokumentation zum Abrufwerkzeug, die das Einlesen einer Adresse als Einfügen in den Gesprächsverlauf beschreibt und die Größenordnungen nennt: eine durchschnittliche Webseite von 10 Kilobyte entspricht rund 2.500 Token, eine Forschungsarbeit als PDF mit 500 Kilobyte rund 125.000. Abgerufen am 31.07.2026.

  • Dokumentationerreichbar

    OpenAI, File search (externe Seite, developers.openai.com)

    developers.openai.comgeprüft 24.09.2026

    OpenAIs Dokumentation zum Nachschlagen in hochgeladenen Dateien. Sie benennt den Unterschied, um den es geht, mit einem eigenen Begriff: Das Nachschlagen ergänze das dem Modell innewohnende Wissen. Damit stammt die Unterscheidung zwischen mitgebrachtem und mitgegebenem Wissen vom Anbieter selbst.

  • Dokumentationerreichbar

    Google, Grounding with Google Search (externe Seite, ai.google.dev)

    ai.google.devgeprüft 24.09.2026

    Googles Dokumentation zur Verankerung von Antworten in Suchergebnissen. Sie benennt den Knowledge Cutoff ausdrücklich als das, was damit überschritten wird, und beschreibt den ganzen Ablauf aus Suchen, Verarbeiten und Belegen als Sache der Umgebung.

  • Originalarbeiterreichbar

    Pitfalls in Evaluating Language Model Forecasters (externe Seite, arxiv.org)

    arxiv.orggeprüft 24.09.2026

    Paleka, Goel, Geiping und Tramèr untersuchen am 31.05.2025, warum Sprachmodelle als Prognosewerkzeug schwer zu bewerten sind. Abschnitt 2.3 begründet, dass ein veröffentlichter Knowledge Cutoff keine Zusicherung darstellt: Er meint oft nur das Pre-Training, während später erhobene Präferenzdaten Wissen über die Zeit danach mitbringen.

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