Tiefe
Gleiches Kapitel, drei Tiefen. Die Wahl gilt überall und bleibt gespeichert.

GrundlagenGrundkursKapitel 07von 16 im Pfad

Halluzinationen erkennen

Tiefe 1: Überblick · Lesezeit 8 Min. · Stand

Warum ein Sprachmodell weiterschreibt, auch wenn ihm die Grundlage fehlt, steht in Kapitel 02. Hier geht es um die Frage danach: Woran merken Sie es, und was hilft dagegen.

Der Anwalt, der nachgefragt hat

Im Frühjahr 2023 reichte eine New Yorker Kanzlei einen Schriftsatz ein, der sich auf sechs frühere Gerichtsentscheidungen berief. Es gab keine davon. Sie waren mit ChatGPT erzeugt worden, mit Aktenzeichen, Fundstellen und wörtlichen Zitaten aus Urteilen, die nie geschrieben wurden.

Der Fehler selbst ist schnell erzählt. Der Teil, der hierher gehört, kam davor. Der Anwalt hatte nachgefragt, und der Beschluss des Gerichts bildet den Dialog ab:

Ist Varghese ein echter Fall? Ja, Varghese v. China Southern Airlines Co Ltd, 925 F.3d 1339 (11th Cir. 2019) ist ein echter Fall.

Sind die anderen Fälle, die Sie mir genannt haben, erfunden? Nein, die anderen Fälle sind echt und in seriösen juristischen Datenbanken wie LexisNexis und Westlaw zu finden.

Das Gericht verhängte 5.000 Dollar, gesamtschuldnerisch gegen die beiden Anwälte und ihre Kanzlei, zu zahlen an die Gerichtskasse. In der Begründung steht ein Satz, der oft übersehen wird: Am Gebrauch eines verlässlichen KI-Werkzeugs sei nichts von Natur aus unzulässig (externe Seite, storage.courtlistener.com). Gerügt wurde etwas anderes, das Festhalten an den erfundenen Urteilen, nachdem das Gericht ihre Existenz bereits angezweifelt hatte.

Die Rückfrage prüft nichts

„Bist du sicher?“ fühlt sich an wie eine Prüfung. Es ist eine zweite Anfrage an dieselbe Quelle, und die Bedingungen haben sich sogar verschlechtert: Die erste Antwort steht jetzt mit im Fenster und zieht die zweite zu sich hin. Stand sie auf nichts, steht die zweite auf derselben Stelle, nur mit mehr Nachdruck.

Auf jede Rückfrage kommt dieselbe Antwort zurück, nur mit mehr Nachdruck. Die Grundlage darunter ändert sich nicht. Drei Runden untereinander, in denen die Sicherheit wächst und die Grundlage gleich bleibt. Der Balken darunter misst die Belege und rührt sich nicht. RUNDE WAS SIE FRAGEN WAS ZURÜCKKOMMT BELEGE 1 Nenn mir den Fall. Der Fall lautet … null 2 Bist du sicher? Ja, der Fall ist echt. null 3 Ist das erfunden? Nein, ganz sicher nicht. null 4 Zitat mit Fundstelle etwas zum Aufmachen eins

seitlich verschiebbar

Die Rückfrage bleibt im Kreis. Erst ein Beleg von außen verlässt ihn.

eigene Darstellung, Stand 30.07.2026

Das gilt auch für die freundlicheren Varianten: „Stimmt das wirklich“, „Hast du das nachgeschlagen“, „Gib mir die Quelle“. Die letzte ist immerhin nützlich, weil sie etwas erzeugt, das Sie aufmachen können. Solange Sie es aufmachen.

Die Wiederholung ist ein anderer Fall, und die hilft. Anthropic empfiehlt in derselben Handreichung, denselben Prompt mehrfach laufen zu lassen und die Ausgaben zu vergleichen (externe Seite, platform.claude.com); weichen sie voneinander ab, haben Sie einen Verdacht. Der Unterschied zur Rückfrage liegt im Fenster: Der zweite Anlauf fängt von vorn an, die erste Antwort steht also nicht dabei, es wird schlicht ein zweites Mal gezogen (Kapitel 12). Ein Verdacht bleibt allerdings ein Verdacht. Zwei gleichlautende Antworten können beide falsch sein.

Woran man es sieht

Fünf Muster, die häufig zusammen mit erfundenen Angaben auftreten.

Sehr genaue Zahlen ohne Quelle. „37 Prozent der Betriebe“ klingt gemessen. Ohne die Angabe, wer wann wen gefragt hat, ist es eine Formulierung.

Zitate von Personen. Wörtliche Rede ist besonders anfällig, weil sich ein Satz im Stil einer Person leichter erzeugen lässt als der Nachweis, dass sie ihn gesagt hat.

Studien und Berichte, die Sie nicht kennen. Titel, Institut und Jahr sind schnell zusammengesetzt. Ob es die Arbeit gibt, ist in einer Minute geklärt. Ob sie hergibt, was hier aus ihr gefolgert wird, ist die schwerere Frage, und um die geht es in der dritten Tiefe.

Auffällig glatte Antworten auf schwierige Fragen. Wo eine Sache strittig ist, sollte die Antwort das zeigen. Eine runde Auskunft auf eine unklare Lage ist ein Warnzeichen.

Detailreichtum zu seltenen Dingen. Randfiguren, kleine Orte, Geburtsdaten: Je seltener eine Tatsache in den Trainingsdaten vorkam, desto eher wird sie ergänzt. Für dieses eine Warnzeichen gibt es sogar eine Rechnung: Bei Tatsachen, die genau einmal in den Trainingsdaten vorkommen (externe Seite, arxiv.org), liegt die Fehlerrate nachweislich über null, unabhängig von Modell und Datenqualität.

Zwei Werkzeuge, die es nicht gibt

Bei mir läuft ein Programm, das wöchentlich zusammenstellt, was an neuen Werkzeugen erschienen ist. Im Juli 2026 legte es eine abhakbare Empfehlung vor: llm-meta-ai 0.1 in einer abgeschotteten Umgebung ausprobieren, um Muse Spark 1.1 als Ausweichmodell zu bewerten.

Beides gibt es nicht. Aufgefallen ist es erst, als ich es umsetzen wollte.

Die Versionsnummer hat die Arbeit gemacht. „0.1“ liest sich wie etwas, das jemand nachgeschlagen hat, und genau deshalb habe ich die Zeile nicht hinterfragt. Das erste Warnsignal von oben, in eigener Sache.

Drei Handgriffe, die tatsächlich prüfen

Den Namen selbst suchen. Bei Produkten, Personen, Studien und Gerichtsentscheidungen ist das eine Suchanfrage und dreißig Sekunden. In den beiden Fällen oben hätte es genügt.

Ein wörtliches Zitat verlangen und die Fundstelle aufmachen. Anthropic empfiehlt das in der eigenen Dokumentation und nennt die Kehrseite gleich mit: Findet sich kein Zitat, muss die Behauptung zurückgenommen (externe Seite, platform.claude.com) werden. Der zweite Teil ist der wichtigere, denn ein Beleg, den niemand aufmacht, ist nur eine weitere Angabe.

Erlauben, dass keine Antwort kommt. Dieselbe Seite rät, dem Modell ausdrücklich die Erlaubnis zu geben, Unsicherheit zuzugeben. Das klingt nach einer Kleinigkeit und ist der wirksamste der drei Handgriffe. Warum das so ist, steht in der nächsten Tiefe.

Wo Sie nichts davon brauchen

Bei allem, was Sie selbst beurteilen können, entfällt der ganze Aufwand. Eine Formulierung, die Ihnen gefällt, eine Gliederung, die aufgeht, ein Entwurf, den Sie ohnehin überarbeiten: Da sind Sie die Prüfung. Der Aufwand entsteht dort, wo die Antwort etwas behauptet, das Sie nicht wissen. Genau dann ist sie am überzeugendsten.

Quellen

9 Einträge, davon 2 Schlüsselarbeitenalle erreichbar

Erreichbarkeit automatisch geprüft

  • SchlüsselarbeitOriginalarbeiterreichbar

    Calibrated Language Models Must Hallucinate (externe Seite, arxiv.org)

    arxiv.orggeprüft 24.09.2026

    Adam Tauman Kalai und Santosh S. Vempala, erschienen auf dem Symposium on Theory of Computing 2024. Die Arbeit zeigt eine statistische Untergrenze: Für Tatsachen, deren Wahrheit sich aus den Trainingsdaten nicht ermitteln lässt, muss ein Modell, das seine Sicherheit ehrlich abbildet, mit einer bestimmten Rate danebenliegen. Das hängt weder an der Architektur noch an der Datenqualität, ist also nicht wegzutrainieren.

    Archivfassung (externe Seite, web.archive.org)

  • SchlüsselarbeitOriginalarbeiterreichbar

    Why Language Models Hallucinate (externe Seite, arxiv.org)

    arxiv.orggeprüft 24.09.2026

    Adam Tauman Kalai, Ofir Nachum, Santosh S. Vempala und Edwin Zhang, 04.09.2025. Die Arbeit verschiebt die Frage von der Bauart auf die Bewertung. Ihre These: Training und Prüfverfahren belohnen das Raten und bestrafen das Eingeständnis von Unsicherheit, und Halluzination ist die erwartbare Folge davon. Unter einer Benotung, die nur richtig und falsch kennt, ist Enthaltung nie die bessere Wahl.

  • Originalarbeiterreichbar

    Mata v. Avianca, Opinion and Order on Sanctions (externe Seite, storage.courtlistener.com)

    storage.courtlistener.comgeprüft 24.09.2026

    Der Sanktionsbeschluss von Richter P. Kevin Castel, United States District Court für den Southern District of New York, 22.06.2023, 43 Seiten. Zwei Anwälte hatten einen Schriftsatz mit erfundenen Gerichtsentscheidungen eingereicht und an ihnen festgehalten, nachdem das Gericht ihre Existenz angezweifelt hatte. Die Geldstrafe von 5.000 Dollar steht im Tenor unter Buchstabe d, gesamtschuldnerisch gegen beide Anwälte und ihre Kanzlei, zu zahlen an die Gerichtskasse. Die Begründung bezeichnet sie als Mittel der Abschreckung. Anhang B des Beschlusses bildet den Dialog mit dem Chatprogramm ab, samt der Rückfrage nach der Echtheit und der bekräftigenden Falschantwort.

    Archivfassung (externe Seite, web.archive.org)

  • Dokumentationerreichbar

    Reduce hallucinations (externe Seite, platform.claude.com)

    platform.claude.comgeprüft 24.09.2026

    Anthropics Handreichung, was sich gegen erfundene Angaben tun lässt. Sie nennt zwei Dinge, auf die sich das Kapitel stützt: die ausdrückliche Erlaubnis, Unsicherheit zuzugeben, und die Zitatpflicht mit Rücknahme, also die Auflage, eine Behauptung fallenzulassen, wenn sich kein Beleg dafür finden lässt. Der Schlussabsatz sagt selbst, dass all das die Halluzination nicht beseitigt.

    Archivfassung (externe Seite, web.archive.org)

  • Ankündigung des Herstellerserreichbar

    Why language models hallucinate (externe Seite, openai.com)

    openai.comgeprüft 24.09.2026

    OpenAIs eigene Darstellung der Arbeit vom Vortag, 05.09.2025. Sie enthält den Vergleich mit dem Multiple-Choice-Bogen und die Tabelle, die zeigt, was Enthaltung kostet: Ein Modell, das bei jeder zweiten Frage schweigt, kommt auf 26 Prozent Falschauskunft, eines, das fast immer antwortet, auf 75 Prozent, bei fast gleicher Trefferquote. Beleg auch für die Gegenthese zur behaupteten Unvermeidbarkeit.

    Archivfassung (externe Seite, web.archive.org)

  • Originalarbeiterreichbar

    Measuring short-form factuality in large language models (externe Seite, arxiv.org)

    arxiv.orggeprüft 24.09.2026

    Jason Wei und weitere, OpenAI, 07.11.2024. Die Arbeit hinter dem Prüfsatz SimpleQA, 4.326 Fragen mit kurzer, eindeutiger Antwort. Wichtig ist hier weniger der Prüfsatz als seine Bewertung: Sie kennt drei Ausgänge statt zwei, richtig, falsch und nicht versucht. Damit wird Enthaltung überhaupt erst ein eigenes Ergebnis und verschwindet nicht in der Fehlerspalte.

  • Dokumentationerreichbar

    GPT-5 System Card (externe Seite, arxiv.org)

    arxiv.orggeprüft 24.09.2026

    OpenAIs Begleitdokument zum Modell, Dokumentdatum 13.08.2025. Der Abschnitt zu Halluzinationen nennt die eigene Messung, nach der das denkende Modell 65 Prozent seltener falsche Tatsachenbehauptungen aufstellt als der Vorgänger, und führt daneben einen Prüfsatz, der ausdrücklich das Enthalten bei unbeantwortbaren Fragen bewertet. Abschnitt 2, Model Data and Training, fasst die Herkunft der Trainingsdaten in einem einzigen Satz zusammen und nennt drei Quellen, wo Googles Modellkarte sieben einzeln aufführt.

    Archivfassung (externe Seite, web.archive.org)

  • Dokumentationerreichbar

    System Card: Claude Opus 5 (externe Seite, anthropic.com)

    anthropic.comgeprüft 24.09.2026

    Anthropics Begleitdokument zum Modell, 24.07.2026. Abschnitt 6.5 misst Ehrlichkeit und Halluzination und hält fest, dass dieses Modell bei elf Prozent höherer Genauigkeit zugleich sechs Prozent häufiger falsche Tatsachen behauptet als sein Vorgänger. Der Abschnitt davor benennt außerdem eine eigene Fehlerart für erfundene Angaben über vorliegende Dateien, Tool-Ausgaben und frühere Gesprächsbeiträge.

  • Originalarbeiterreichbar

    Hallucination is Inevitable: An Innate Limitation of Large Language Models (externe Seite, arxiv.org)

    arxiv.orggeprüft 24.09.2026

    Ziwei Xu, Sanjay Jain und Mohan Kankanhalli, 22.01.2024. Die Gegenposition zur Anreizdiagnose: Mit Mitteln der Lerntheorie wird gezeigt, dass sich Halluzination nicht beseitigen lässt, weil ein Modell nicht alle berechenbaren Funktionen lernen kann. Der Widerspruch zur Herstellerdarstellung ist echt und liegt in der Definition, denn hier zählt Enthaltung nicht als Ausweg.

    Archivfassung (externe Seite, web.archive.org)

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