Tiefe
Gleiches Kapitel, drei Tiefen. Die Wahl gilt überall und bleibt gespeichert.

GrundlagenBeurteilen und EinordnenKapitel 05von 8 im Pfad

Geschwindigkeit der Entwicklung

Tiefe 1: Überblick · Lesezeit 8 Min. · Stand

„Wie schnell geht das eigentlich?“ hat keine einzelne Antwort, weil mehrere Größen gleichzeitig wachsen. Sie wachsen alle, und sie wachsen unterschiedlich schnell. Genau diese Unterschiede sind die eigentliche Auskunft.

Warum eine Verdopplung schwer vorzustellen ist

Zwei Rechnungen dazu sind älter als jede Kennzahl auf dieser Seite, und beide kommen ohne KI aus.

Die erste ist die Legende vom Reiskorn auf dem Schachbrett: Auf das erste Feld kommt ein Korn, auf jedes weitere doppelt so viel wie auf das vorige. Über 64 Felder summiert sich das auf 18.446.744.073.709.551.615 Körner. Der Sprung liegt dabei ganz hinten. Auf dem 64. Feld allein liegen mehr Körner als auf allen 63 Feldern davor zusammen, genau eines mehr. Bei Feld 32 ist die Hälfte der Felder abgearbeitet, auf dem Tisch liegt dann rund ein Vier-Milliardstel der Endmenge.

Die zweite Rechnung faltet ein Blatt Papier, und jede Faltung verdoppelt die Dicke. Bei einem Zehntelmillimeter, also einem gewöhnlichen Blatt, reicht der Stapel nach 42 Faltungen bis zum Mond: 439.805 Kilometer gegen einen mittleren Abstand von 384.400 Kilometern (externe Seite, science.nasa.gov). Nach 41 Faltungen sind es 219.902, also gut die Hälfte des Weges, und eine einzige weitere Faltung schafft den Rest. Ein doppelt so dünnes Blatt kostet eine Faltung mehr; an der Größenordnung ändert das nichts.

Und hier hört das Bild auf. 42 Faltungen gibt es in der Wirklichkeit nicht. Der Rekord steht bei zwölf Faltungen (externe Seite, guinnessworldrecords.com), aufgestellt 2002 von Britney Gallivan, und dafür brauchte sie ein Seidenpapier von 1.219 Metern Länge. Was sich verdoppelt, stößt irgendwann an eine physische Grenze. Welche das in diesem Feld sind, steht am Ende dieser Seite.

Die Takte im nächsten Abschnitt sind genau solche Verdopplungen, gerechnet in der Zeit statt auf einem Brett.

Dieselben 42 Faltungen zweimal gezeichnet: links als Kurve, die am Ende hochschießt, rechts auf logarithmischer Achse als Gerade. Zwei Felder nebeneinander, keine gemeinsame Achse. Links gleichmäßig in Kilometern, rechts logarithmisch, jede Stufe das Zehnfache. Dieselbe Rechnung sieht einmal nach plötzlichem Sprung und einmal nach gleichmäßigem Gang aus. 0 21 42 0 200.000 km 400.000 km Mond Gleichmäßige Achse 0 21 42 1 mm 1 m 1 km 1.000 km 1 Mio. km Mond Logarithmische Achse, je Stufe ×10 Faltungen, ein Blatt von 0,1 mm Dicke

seitlich verschiebbar

Dieselben 42 Faltungen eines Blatts von 0,1 Millimetern, links auf gleichmäßiger Achse, rechts auf logarithmischer. Links sieht die Verdopplung wie ein später Sprung aus, rechts wie ein gleichmäßiger Gang. Beide Kurven sind gerechnet, der Mondabstand stammt von der NASA.

eigene Rechnung, Stand 09/2026

Sechs Takte nebeneinander

Gemessene Verdopplungszeiten, Stand August 2026:

WasVerdopplungSeit
Rechenaufwand für ein Spitzenmodell5,2 Monate2020
Weltweiter Bestand an Rechenchips6,8 Monatelaufend
Aufgabenlänge, die ein Modell schafft7 Monate2019
Rechenaufwand für dieselbe Leistung (halbiert)8 Monate2012
Leistung je ausgegebenem Dollar1,7 Jahre2023
Speicherbandbreite einer Grafikkarte2,8 Jahre2008

Zeile 1, 2 und 6 stammen aus dem Kennzahlenblatt von Epoch AI (externe Seite, epoch.ai). Zeile 3 kommt aus der Zeithorizont-Messung, die Kapitel 03 genauer behandelt:

frontier AI time horizon has been doubling approximately every seven months since 2019 (externe Seite, arxiv.org)

Zeile 5 stammt aus einer eigenen Erhebung über gekaufte Chips:

At that rate, the performance a dollar buys doubles every 1.7 years (externe Seite, epoch.ai)

Zwischen der schnellsten und der langsamsten Zeile liegt der Faktor 6,5, also 5,2 Monate gegen 33,6. Wer von „exponentiellem Fortschritt“ liest, sollte deshalb fragen, welche dieser Zeilen gemeint ist.

Welcher Takt bei Ihnen ankommt

Für die Frage, was in einem Betrieb ankommt, zählen die unteren Zeilen mehr als die oberen. Der Rechenaufwand an der Spitze sagt, was ein Labor investiert. Was ein Dollar kauft, sagt, was Sie bezahlen; die Erhebung rechnet in Dollar.

Der Abstand dazwischen ist auch der Grund, warum ein neues Spitzenmodell selten sofort billiger ist als sein Vorgänger. Die Fähigkeit wächst am schnellsten, der Preis fällt am langsamsten, und dazwischen liegt die Zeit, in der ein Anbieter seine Rechnung machen muss.

Dabei verläuft die Preiskurve sprunghaft:

Price-performance was nearly flat through mid-2024, then roughly doubled as Blackwell-generation chips grew to a majority of new spending (externe Seite, epoch.ai)

Zwei Jahre nahezu Stillstand, dann eine Verdopplung. Ein glatter Jahreswert verdeckt das.

Die Verfahren werden auch besser

Zeile 4 ist die am wenigsten bekannte und zugleich die bemerkenswerteste. Sie misst die Verfahren selbst: Wie viel Rechenleistung braucht man heute für eine Leistung, die früher mehr gekostet hat. Hardware und Geld stehen dabei fest.

the compute required to reach a set performance threshold has halved approximately every 8 months, with a 95% confidence interval of around 5 to 14 months, substantially faster than hardware gains per Moore’s Law (externe Seite, arxiv.org)

Dieselbe Arbeit ordnet den Befund allerdings selbst ein, und dieser Satz fehlt in fast jeder Wiedergabe:

our analysis reveals that the increase in compute made an even larger contribution to overall performance improvements over this time period (externe Seite, arxiv.org)

Die besseren Verfahren wirken also schnell, und im gemessenen Zeitraum hat die schiere Rechenleistung noch mehr bewegt. Wer nur die erste Hälfte zitiert, erzählt eine Geschichte über Erfindungsreichtum, wo die Daten eine über Investitionen erzählen.

Der Antrieb hat 2024 gewechselt

Bis dahin kam der Fortschritt vor allem aus größeren Trainingsläufen. Der Rechenaufwand dafür wuchs jahrelang stetig:

the compute used to train recent models grew 4-5x yearly from 2010 to May 2024 (externe Seite, epoch.ai)

Seit 2024 kommt etwas dazu, und es zeigt sich in zwei voneinander unabhängigen Messreihen:

The acceleration roughly coincides with the rise of reasoning models and an increasing focus on reinforcement learning among frontier labs (externe Seite, epoch.ai)

Nachdenkende Modelle rechnen länger, während sie antworten. Das verschiebt Aufwand vom Training in den Betrieb, und was das kostet, steht in Grundkurs, Kapitel 10.

Was diese Zahlen nicht sagen

Eine Verdopplungszeit beschreibt, was bisher geschehen ist. Sie sagt nichts darüber, wie lange das so weitergeht. Jede der sechs Zeilen kann an eine Grenze stoßen, und für zwei davon sind die Grenzen absehbar: Strom und die Zeit, die der Bau eines großen Rechenzentrums braucht.

Quellen

12 Einträge, davon 7 Schlüsselarbeitenalle erreichbar

Erreichbarkeit automatisch geprüft

  • SchlüsselarbeitDatenerreichbar

    Trends in Artificial Intelligence (externe Seite, epoch.ai)

    epoch.aigeprüft 24.09.2026

    Das laufend fortgeschriebene Kennzahlenblatt von Epoch AI, Stand 05.02.2026. Es führt die Wachstumsraten nebeneinander, die zusammen das Tempo ergeben, und der Befund liegt in ihren Unterschieden: Die Trainingsrechenleistung an der Spitze verdoppelt sich seit 2020 alle 5,2 Monate, der weltweite Bestand an Rechenchips alle 6,8 Monate, die Speicherbandbreite einer Grafikkarte dagegen seit 2008 nur alle 2,8 Jahre.

  • SchlüsselarbeitDatenerreichbar

    Training compute of frontier AI models grows by 4-5x per year (externe Seite, epoch.ai)

    epoch.aigeprüft 24.09.2026

    Sevilla und Roldán werten am 28.05.2024 eine erweiterte Modelldatenbank aus und beziffern, wie schnell der Rechenaufwand für ein Spitzenmodell wächst. Der Zeitraum endet im Mai 2024; für den Verlauf danach führt Epoch AI das Kennzahlenblatt fort.

  • SchlüsselarbeitDatenerreichbar

    AI capabilities progress has sped up (externe Seite, epoch.ai)

    epoch.aigeprüft 24.09.2026

    Edelman und Lee messen am 23.12.2025 an zwei voneinander unabhängigen Reihen einen Knick im Jahr 2024: Der eigene Fähigkeitsindex und der Zeithorizont von METR beschleunigen beide. Die Quelle nennt zugleich die Vermutung über den Grund, nämlich das Aufkommen der nachdenkenden Modelle.

  • SchlüsselarbeitOriginalarbeiterreichbar

    Measuring AI Ability to Complete Long Software Tasks (externe Seite, arxiv.org)

    arxiv.orggeprüft 24.09.2026

    Kwa, West, Becker und 21 weitere Mitautoren von METR schlagen im März 2025 eine Kennzahl vor, die eine Modellfähigkeit in menschlicher Arbeitszeit ausdrückt: die Aufgabenlänge, die ein Modell mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit schafft. Gemessen wurde an 170 Aufgaben, für die zuerst Fachleute die Bearbeitungszeit lieferten. Die Arbeit nennt ihre eigenen Grenzen ausdrücklich, darunter die Übertragbarkeit auf Arbeit außerhalb der Testreihe.

  • SchlüsselarbeitOriginalarbeiterreichbar

    Algorithmic progress in language models (externe Seite, arxiv.org)

    arxiv.orggeprüft 24.09.2026

    Ho und Mitautoren von Epoch AI messen am 09.03.2024 an über 200 Auswertungen aus den Jahren 2012 bis 2023, wie schnell die Verfahren selbst besser werden: Für dieselbe Leistung genügt in immer kürzeren Abständen die halbe Rechenleistung. Die Arbeit ordnet den Befund selbst ein, und der Nebensatz dazu fehlt in fast jeder Wiedergabe: Der Zuwachs an Rechenleistung hat im selben Zeitraum noch mehr beigetragen als die besseren Verfahren.

  • SchlüsselarbeitOriginalarbeiterreichbar

    Scaling Laws for Neural Language Models (externe Seite, arxiv.org)

    arxiv.orggeprüft 24.09.2026

    Kaplan und Mitautoren bei OpenAI messen am 23.01.2020, wie der Fehler eines Sprachmodells mit Modellgröße, Datenmenge und Rechenaufwand fällt. Das Ergebnis ist ein Potenzgesetz, einzelne der Verläufe über mehr als sieben Größenordnungen, und damit lässt sich der Ertrag eines größeren Trainingslaufs vorher abschätzen. Vier Monate vor GPT-3. Die eigene Empfehlung der Arbeit, sehr große Modelle auf vergleichsweise wenig Daten zu trainieren, hat DeepMind 2022 mit Chinchilla korrigiert, siehe chinchilla-2022.

  • SchlüsselarbeitOriginalarbeiterreichbar

    Scaling LLM Test-Time Compute Optimally can be More Effective than Scaling Model Parameters (externe Seite, arxiv.org)

    arxiv.orggeprüft 24.09.2026

    Snell, Lee, Xu und Kumar messen am 06.08.2024 den zweiten Weg, auf dem Modelle besser werden: mehr Rechenzeit beim Antworten statt beim Trainieren. Der Beleg dafür, dass die Wirkung dieses Wegs von der Schwierigkeit der Aufgabe abhängt, und für die Größenordnung, in der er ein größeres Modell schlagen kann.

  • Datenerreichbar

    The performance per dollar of AI chips purchased each quarter has grown by an average of 49% per year (externe Seite, epoch.ai)

    epoch.aigeprüft 24.09.2026

    Somala misst am 13.08.2026 die Preisachse, die in den Fähigkeitszahlen fehlt: Wie viel Rechenleistung ein Dollar kauft, und in welchem Takt sich das verdoppelt. Wichtig ist der Hinweis auf den sprunghaften Verlauf, denn ein glatter Jahreswert verdeckt hier zwei Jahre Stillstand.

  • Dokumentationerreichbar

    Moon Facts (externe Seite, science.nasa.gov)

    science.nasa.govgeprüft 24.09.2026

    Das Faktenblatt der NASA zum Mond. Hier gebraucht für eine einzige Größe: den mittleren Abstand von Erde und Mond mit 384.400 Kilometern. Die Seite nennt ihn ausdrücklich als Durchschnitt, denn die Bahn ist eine Ellipse und der Abstand schwankt über einen Monat um mehrere zehntausend Kilometer. Für eine Überschlagsrechnung, die eine Verdopplung anschaulich machen soll, reicht der Mittelwert; dass es einer ist, gehört in den Satz daneben.

  • Originalarbeiterreichbar

    Most times to fold a piece of paper (externe Seite, guinnessworldrecords.com)

    guinnessworldrecords.comgeprüft 24.09.2026

    Der Rekordeintrag zum Falten eines einzelnen Blattes: Britney Gallivan faltete am 27.01.2002 als erster Mensch ein Blatt neun-, zehn-, elf- und zwölfmal. Das Register ist die Stelle, die diesen Rekord führt, und belegt damit den Vorgang. Die Herleitung dazu, warum bei wenigen Faltungen Schluss ist, steht in Gallivans Schrift »How to Fold Paper in Half Twelve Times« (Historical Society of Pomona Valley, 2002) und ist online nicht abrufbar. Der Eintrag nennt die Bedingung mit: Das Papier war ein Seidenpapier von 1.219 Metern Länge, also nichts, was auf einem Schreibtisch liegt.

  • Originalarbeiterreichbar

    Training Compute-Optimal Large Language Models (externe Seite, arxiv.org)

    arxiv.orggeprüft 24.09.2026

    Hoffmann und Mitautoren messen am 29.03.2022 an über 400 Modellen, wie Parameterzahl und Datenmenge bei festem Rechenbudget zusammengehören, und korrigieren damit die Empfehlung von scaling-laws-2020: Bei doppelter Modellgröße gehört die doppelte Datenmenge dazu. Chinchilla mit 70 Milliarden Parametern schlägt Gopher mit 280 Milliarden. Der Beleg dafür, dass die Parameterzahl allein wenig über ein Modell sagt.

  • Datenerreichbar

    The power required to train frontier AI models is doubling annually (externe Seite, epoch.ai)

    epoch.aigeprüft 24.09.2026

    Emberson und Rahman schätzen am 19.09.2024 aus 45 Beobachtungen, wie schnell die Leistungsaufnahme eines Trainingslaufs an der Spitze wächst. Der Eintrag nennt sein Vertrauensintervall selbst und ist damit eine der wenigen Angaben in diesem Feld, die ihre Unsicherheit ausweist.

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