Tiefe
Gleiches Kapitel, drei Tiefen. Die Wahl gilt überall und bleibt gespeichert.

GrundlagenKI-WissenKapitel 04von 14 im Pfad

Mustererkennung und Klassifikation

Tiefe 1: Überblick · Lesezeit 8 Min. · Stand

Kapitel 02 sagt, woher die Bewertung kommt, an der ein Verfahren sein Verhalten ausrichtet. Dieses Kapitel sagt, welche Form die Aufgabe hat, die dabei gelöst wird, und woran man misst, ob sie gelöst ist.

Die häufigste Form ist das Einordnen. Eine Nachricht ist Werbung oder keine, ein Gewebeschnitt ist auffällig oder unauffällig, ein Bauteil ist in Ordnung oder Ausschuss. Der Fachausdruck dafür ist Klassifikation, und darunter steckt mehr Handarbeit, als das Wort vermuten lässt.

Eine Klasse ist eine Entscheidung, die jemand vorgegeben hat

Ein einordnendes Verfahren wählt aus einer Liste. Diese Liste hat ein Mensch aufgeschrieben, bevor irgendein Training begann, und was darin fehlt, kann später nicht herauskommen.

Wie weitreichend diese Entscheidung ist, sieht man an einem Datensatz, an dem die Bilderkennung seit 2014 gemessen wird. Seine Verfasser beschreiben die Auswahl so:

Our dataset contains photos of 91 objects types that would be easily recognizable by a 4 year old. (externe Seite, arxiv.org)

Die Zahl 91 ist das Ergebnis einer Besprechung. Der Maßstab dafür steht im Satz daneben: Was ein vierjähriges Kind benennen kann. Ein Verfahren, das darauf trainiert wurde, kennt Zebras und Toaster und hat für einen Rollstuhl kein Wort.

Daraus folgt die erste Frage an jedes System dieser Art: Wer hat die Liste gemacht, und wofür?

Merkmale, und wer sie aussucht

Ein Verfahren sieht nie auf das ganze Bild oder den ganzen Text. Es sieht auf Größen, die daraus berechnet wurden. Diese Größen heißen Merkmale.

Bis etwa 2012 hat ein Mensch sie sich ausgedacht: Kanten, Ecken, Farbverteilungen, die Häufigkeit bestimmter Wörter. Das war die eigentliche Arbeit im Fach, und wer die richtigen Merkmale fand, gewann. Die Verfahren selbst waren austauschbar.

Eines davon, die Stützvektormaschine von 1995, geht einen Umweg über einen Raum mit sehr vielen Größen, weil sich dort eine gerade Trennfläche legen lässt, wo im Ursprungsraum keine hinpasst:

input vectors are non-linearly mapped to a very high-dimension feature space (externe Seite, link.springer.com)

Was seit 2012 anders läuft, steht in Kapitel 03. Der Merkmalsentwurf ist seither in die ersten Schichten des Netzes gewandert.

Am Ende steht eine Wahrscheinlichkeit

Ein einordnendes Verfahren gibt selten ein Urteil aus. Es gibt eine Zahl aus, meistens zwischen null und eins, und die sagt, wie sicher es sich ist. Aus dieser Zahl wird ein Urteil erst durch eine Schwelle, und die legt wieder ein Mensch fest.

Wer die Schwelle bei 0,5 lässt, hat sie trotzdem gewählt. Wer sie auf 0,9 schiebt, bekommt weniger falschen Alarm und übersieht mehr Fälle. Derselbe Handgriff kommt im Betrieb von Sprachmodellen wieder vor, dort an der Grenze zwischen durchgelassen und geblockt; das steht in Conversational AI, Kapitel 07.

Zwei Arten, danebenzuliegen

Ein Verfahren kann auf zwei Weisen irren, und die beiden kosten verschieden viel. Es kann Alarm schlagen, wo nichts ist. Und es kann etwas übersehen.

Die Dokumentation der meistgenutzten Programmbibliothek für dieses Fach beschreibt die beiden zugehörigen Masszahlen in einem Satz:

Intuitively, precision is the ability of the classifier not to label as positive a sample that is negative, and recall is the ability of the classifier to find all the positive samples. (externe Seite, scikit-learn.org)

Die erste Zahl heißt Precision und misst, wie verlässlich ein Alarm ist. Die zweite heißt Recall und misst, wie vollständig die Fälle gefunden werden. Beide lassen sich gegeneinander verschieben, und zwar immer gegeneinander: Wer die eine hebt, senkt die andere.

Welche der beiden Richtungen schwerer wiegt, entscheidet der Einsatzort. Bei einer Vorsorgeuntersuchung ist ein übersehener Fall schlimmer als ein Fehlalarm. Bei einem Filter, der Nachrichten wegwirft, ist es umgekehrt.

Wo dieselbe Aufgabe ohne Etiketten läuft

Nicht jede Einordnung braucht eine vorgegebene Liste. Beim Gruppieren bekommt ein Verfahren nur die Daten und die Vorgabe, wie viele Häufungen es suchen soll. Was die gefundenen Gruppen bedeuten, sagt danach ein Mensch. Auf Zahlenreihen aus Texten läuft dasselbe Verfahren, und wie diese Reihen entstehen, steht in Grundkurs, Kapitel 04.

Der Sonderfall dabei ist die Suche nach dem Ungewöhnlichen. Von der gesuchten Klasse gibt es dort keine Beispiele, weil ein Maschinenschaden selten ist und ein Betrugsversuch neu aussieht. Solche Verfahren lernen deshalb, wie normal aussieht, und melden alles, was weit davon abliegt.

Woran Sie eine Einordnung festmachen

Vier Fragen reichen, um ein System dieser Art einzuschätzen, und alle vier lassen sich ohne Fachkenntnis stellen.

Wer hat die Klassen festgelegt? Die Liste ist eine Entscheidung, und sie stammt von Menschen mit einem Zweck.

Worauf sieht das Verfahren? Wenn niemand die Merkmale benennen kann, bleibt auch offen, warum ein einzelner Fall gerade so einsortiert wurde.

Wo liegt die Schwelle, und wer hat sie gesetzt? Zwischen der Zahl und dem Urteil steht immer eine Festlegung.

Welche der beiden Fehlerrichtungen kostet hier mehr? Wer das nicht beantworten kann, kann die Schwelle nicht sinnvoll setzen.

Das Gesetz stellt an einer Stelle dieselbe Frage. Die KI-Verordnung stuft Anwendungen nach ihrem Einsatzzweck ein, und Systeme, die über Menschen urteilen, stehen dort in der oberen Stufe. Welche das sind und was daraus folgt, steht in Tiefe 3 dieses Kapitels.

Quellen

7 Einträgealle erreichbar

Erreichbarkeit automatisch geprüft

  • Datenerreichbar

    Microsoft COCO: Common Objects in Context (externe Seite, arxiv.org)

    arxiv.orggeprüft 24.09.2026

    Der Datensatz, an dem die Suche nach Dingen im Bild seit 2014 gemessen wird. Er legt zugleich das Messverfahren fest, weil jedes Ding einzeln umrandet und flächengenau markiert ist. Die Schreibweise 91 objects types stammt aus dem Original.

  • Originalarbeiterreichbar

    Support-Vector Networks (externe Seite, link.springer.com)

    link.springer.comgeprüft 24.09.2026

    Corinna Cortes und Vladimir Vapnik stellen 1995 das Verfahren vor, das zwei Gruppen durch eine Fläche in einem hochdimensionalen Merkmalsraum trennt. Die Arbeit misst sich selbst an einer Erhebung zur maschinellen Zeichenerkennung und stellt sich damit neben die klassischen Lernverfahren ihrer Zeit. Der erste Satz des Abstracts ist auf der Seite nicht zitierfähig, weil zwischen Artikel und Begriff das Leerzeichen fehlt.

  • Dokumentationerreichbar

    scikit-learn, Metrics and scoring (externe Seite, scikit-learn.org)

    scikit-learn.orggeprüft 24.09.2026

    Die Dokumentation der meistgenutzten Programmbibliothek für klassisches maschinelles Lernen. Sie definiert die Maßzahlen einer Einordnung im Wortlaut, von der Vierfeldertafel über Genauigkeit und Vollständigkeit bis zu der Kennzahl, die bei ungleich verteilten Klassen an die Stelle der einfachen Trefferquote tritt.

  • Originalarbeiterreichbar

    Random Forests (externe Seite, link.springer.com)

    link.springer.comgeprüft 24.09.2026

    Leo Breiman beschreibt 2001, wie viele einzelne Entscheidungsbäume zu einem Verfahren zusammengefasst werden, das genauer urteilt als jeder von ihnen. Die Arbeit nennt die beiden Größen, an denen der Fehler hängt, und einen Nebeneffekt, der das Verfahren bis heute im Einsatz hält: Es beziffert selbst, welche Merkmale zählen. Der Satz zum Vergleich mit Adaboost ist wegen der Zeichen darin nicht zitierfähig.

  • Originalarbeiterreichbar

    Equality of Opportunity in Supervised Learning (externe Seite, arxiv.org)

    arxiv.orggeprüft 24.09.2026

    Hardt, Price und Srebro schlagen 2016 einen Maßstab dafür vor, wann ein einordnendes Verfahren eine Gruppe benachteiligt, und zeigen an Kreditwürdigkeitsdaten, wie sich eine fertige Vorhersage nachträglich daran ausrichten lässt. Im Abstract fehlt an einer Stelle ein Leerzeichen zwischen zwei Wörtern, weshalb der Satz zur Oblivious-Eigenschaft nicht zitierfähig ist.

  • Originalarbeiterreichbar

    Verordnung (EU) 2024/1689 über künstliche Intelligenz (externe Seite, eur-lex.europa.eu)

    eur-lex.europa.eugeprüft 24.09.2026

    Der Rechtstext selbst, veröffentlicht am 12.07.2024 und in Kraft getreten am 01.08.2024. Er ordnet Anwendungen nach Risiko und legt die Pflichten je Stufe fest. Die Anwendbarkeit beginnt gestaffelt, nicht mit dem Inkrafttreten. Die Adresse zeigt seit dem 29.07.2026 auf die deutsche Fassung: Die Zitate unten stehen im Text so, wie er hier zitiert wird, und die Fassung ohne Sprachangabe liefert die englische.

  • Originalarbeiterreichbar

    Why do tree-based models still outperform deep learning on tabular data? (externe Seite, arxiv.org)

    arxiv.orggeprüft 24.09.2026

    Grinsztajn, Oyallon und Varoquaux messen 2022 an 45 Datensätzen, wie sich Verfahren auf der Grundlage von Entscheidungsbäumen gegen neuronale Netze schlagen, wenn die Daten in Zeilen und Spalten vorliegen. Die Angabe zur Datenmenge steht im Abstract in einer Formelschreibweise und ist deshalb nur bis dahin zitierfähig; sie lautet rund 10.000 Beispiele.

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