Tiefe
Gleiches Kapitel, drei Tiefen. Die Wahl gilt überall und bleibt gespeichert.

GrundlagenAgenten und HarnessKapitel 01von 4 im Pfad

Agenten

Tiefe 1: Überblick · Lesezeit 9 Min. · Stand

Das Wort steht inzwischen auf jeder zweiten Produktseite, und es meint dort selten dasselbe. Dieses Kapitel zieht die Linie, an der sich entscheidet, ob etwas ein Agent ist.

Die Linie verläuft bei der Frage, wer die Reihenfolge bestimmt

Anthropic hat sie 2024 gezogen, und der Text beginnt mit einem Eingeständnis, das beim Zitieren gern wegfällt: Das Wort lasse sich auf mehrere Arten bestimmen. Für die einen ist ein Agent ein System, das über lange Zeiträume allein arbeitet, für die anderen ein fest vorgezeichneter Ablauf mit Modellaufrufen darin. Anthropic nimmt beide Lesarten auf und zieht die eigene Linie eine Ebene tiefer:

we categorize all these variations as agentic systems, but draw an important architectural distinction between workflows and agents (externe Seite, anthropic.com)

Eine Unterscheidung nach der Bauform also. Über den Sprachgebrauch entscheidet sie nichts, und genau darin liegt ihr Wert: Sie macht an etwas fest, das man nachsehen kann. Auf der einen Seite steht der feste Ablauf:

Workflows are systems where LLMs and tools are orchestrated through predefined code paths. (externe Seite, anthropic.com)

Ein Programm ruft ein Modell auf, nimmt die Antwort, ruft das nächste auf. Die Übergänge stehen im Code, und der Code ist geschrieben, bevor der Lauf anfängt. Auf der anderen Seite:

Agents, on the other hand, are systems where LLMs dynamically direct their own processes and tool usage, maintaining control over how they accomplish tasks. (externe Seite, anthropic.com)

Hier entscheidet das Modell während des Laufs, was als Nächstes geschieht und welches Tool es dafür nimmt. Die Reihenfolge steht in keinem Programm.

Was das Programm sehr wohl vorgibt, ist der Rahmen: welche Tools es überhaupt gibt, was die Anweisung verlangt, wann Schluss ist. Das Modell wählt innerhalb dieses Rahmens, und die Wahl trifft es bei jedem Schritt neu.

Das ist die ganze Unterscheidung. Beide benutzen dasselbe Modell, beide rufen Tools auf, beide können beeindruckende Sachen. Verschieden ist, wo die Entscheidung liegt.

Die Prüffrage

Sie lässt sich in einem Satz stellen: Wer wählt den nächsten Schritt, das Programm oder das Modell?

Das Programm, dann ist es ein Ablauf. Ein Formular wird eingelesen, ein Modell fasst zusammen, das Ergebnis wandert in eine Tabelle, eine Mail geht raus. Vier Schritte, immer dieselben, immer in der Reihenfolge.

Das Modell, dann ist es ein Agent. Er sucht, findet nichts Brauchbares, sucht anders, liest eine Datei, merkt, dass sie die falsche war, und nimmt die nächste.

Der feste Ablauf hat vier Kästen in einer Reihe. Der Agent hat einen Kasten und einen Pfeil zurück. Beide Formen stehen nebeneinander, die Geometrie zeigt den Unterschied: links eine Kette mit sichtbarem Ende, rechts ein Kreis. Der Unterschied ist ohne Beschriftung zu sehen. FESTER ABLAUF vier Schritte, immer dieselben die Reihenfolge steht im Code AGENT wählt und handelt solange nötig das Modell wählt den Schritt Wer den Weg vorher aufschreiben kann, braucht keinen Agenten.

seitlich verschiebbar

Links steht die Reihenfolge im Programm. Rechts wählt das Modell bei jedem Durchgang neu.

eigene Darstellung, Stand 07.08.2026

Naheliegender wäre die Frage nach der Zahl der Schritte gewesen: Steht sie vorher fest, ist es ein Ablauf. Diese Frage trennt an der falschen Stelle, und der Gegenbeleg steht in demselben Text. Anthropic beschreibt eine Bauform, in der ein Modell die Aufgabe zerlegt und die Teile an weitere Modellaufrufe verteilt:

subtasks aren’t pre-defined, but determined by the orchestrator based on the specific input (externe Seite, anthropic.com)

Wie viele Teile dabei anfallen, weiß vorher niemand. Anthropic führt diese Bauform trotzdem unter den Workflows, denn wer zerlegt und wer verteilt, steht im Programm.

Wie er das macht, steht schon im Grundkurs

Die Mechanik dahinter ist die Tool-Schleife, und die ist in Grundkurs, Kapitel 09 auseinandergenommen: Das Modell nennt einen Aufruf, ein Programm führt ihn aus, das Ergebnis kommt zurück ins Gespräch, das Modell formuliert weiter.

Ein Agent ist diese Schleife, und wie oft sie läuft, ergibt sich unterwegs. Eine Obergrenze gehört trotzdem dazu, und der Hersteller sagt das im selben Text:

it’s also common to include stopping conditions (such as a maximum number of iterations) to maintain control (externe Seite, anthropic.com)

Offen ist der Weg dorthin, und das Ende setzt der, der ihn baut. Genau darin liegt der Nutzen eines Agenten, und genau daran hängen seine Kosten.

Das Programm um das Modell herum hat einen Namen

Es taucht in jedem Absatz oben auf: das Programm, das den Aufruf ausführt, die Tools bereitstellt, die Schleife dreht und den Deckel setzt. Dafür hat sich ein Wort eingebürgert, und es steht im Namen dieser Reihe: Harness.

Bei gleichem Modell entscheidet dieses Gerüst oft mehr über die Qualität des Ergebnisses als die Wahl des Modells. Seine Teile verteilen sich über die folgenden Kapitel, hier bleibt es bei der Vokabel. Woher sie kommt, seit wann und mit welcher gemessenen Wirkung, steht im Glossar.

Der Hersteller rät ab

Bemerkenswert an demselben Text ist seine Empfehlung. Sie steht dem Naheliegenden entgegen:

Agentic systems often trade latency and cost for better task performance (externe Seite, anthropic.com)

Wer einen Agenten baut, tauscht also Wartezeit und Geld gegen ein besseres Ergebnis. Dieser Tausch lohnt sich bei einer offenen Aufgabe und lohnt sich nicht bei vier Schritten, die immer gleich ablaufen. Der Rat daraus lautet, mit dem Einfachen anzufangen und einen Agenten erst zu bauen, wenn das Einfachere nachweislich nicht reicht.

Das ist eine ungewöhnliche Auskunft von jemandem, der Modelle verkauft, und sie ist der nützlichste Satz zum Thema.

Wann Sie also keinen brauchen

Drei Fälle, in denen ein fester Ablauf die bessere Wahl ist:

Die Schritte stehen fest. Dann kostet die Freiheit nur Geld und Zeit, und sie bringt Unsicherheit mit, wo vorher keine war.

Das Ergebnis soll nachvollziehbar sein. Ein Agent nimmt beim zweiten Mal vielleicht einen anderen Weg, ein fester Ablauf nimmt denselben. Zeichengleich fällt die Ausgabe auch dort selten aus, die Gründe dafür stehen in Grundkurs, Kapitel 12. Was der feste Ablauf voraushat, ist die Nachprüfbarkeit: Wo die Schritte im Code stehen, lässt sich jeder einzelne nachlesen.

Es muss schnell gehen. Jede Runde der Schleife ist ein vollständiger Modellaufruf. Fünf Runden kosten fünf davon, dazu die Zeit, die die Tools zwischendurch brauchen.

Quellen

5 Einträge, davon 2 Schlüsselarbeitenalle erreichbar

Erreichbarkeit automatisch geprüft

  • SchlüsselarbeitArtikelerreichbar

    Anthropic, Building effective agents (externe Seite, anthropic.com)

    anthropic.comgeprüft 24.09.2026

    Der Text, an dem sich die Trennung zwischen Workflow und Agent festmacht: Beim einen liegen die Schritte im Code fest, beim anderen entscheidet das Modell während des Laufs über Reihenfolge und Tool-Wahl. Eine Deutungshoheit über das Wort beansprucht er dabei ausdrücklich nicht; er nennt die eigene Linie eine Unterscheidung der Bauform und führt selbst einen Workflow auf, dessen Schrittzahl vorher offen ist. Er ist zugleich die Stelle, an der der Hersteller vom Agentenbau abrät, solange etwas Einfacheres genügt, die Kosten dieser Bauform beim Namen nennt und zu Sandbox und Allowlistn rät.

  • SchlüsselarbeitDokumentationerreichbar

    Anthropic, Tool use with Claude (externe Seite, platform.claude.com)

    platform.claude.comgeprüft 24.09.2026

    Die Herstellerdokumentation zum Tool Call, die den Vorgang technisch ausschreibt: Das Modell gibt einen strukturierten Aufruf zurück, ausgeführt wird er vom eigenen Programm oder beim Anbieter. Sie nennt außerdem, wonach ausgewählt wird, nämlich nach der Beschreibung des Tools und nur wenn die Antwort nicht schon im Kontext steht, und was die Tool-Liste je Modell an Token kostet. Im aufklappbaren Abschnitt „When required parameters are missing“ steht dazu, dass ein Modell fehlende Angaben auch raten kann, und dass dieses Verhalten nicht zugesichert ist, besonders bei mehrdeutigen Eingaben und schwächeren Modellen. Im Beispiel zum Ablauf eines Tool Calls steht das Ergebnis als Block vom Typ tool_result in einer Nachricht mit der Rolle user, also unter derselben Rolle wie die Frage des Menschen davor. Abgerufen am 31.07.2026, das Beispiel erneut angesehen am 07.08.2026.

  • Dokumentationerreichbar

    OpenClaw, Heartbeat (externe Seite, docs.openclaw.ai)

    docs.openclaw.aigeprüft 24.09.2026

    Die Dokumentation des Taktgebers, der den Assistenten in festem Abstand von selbst laufen lässt, voreingestellt alle 30 Minuten. Sie belegt die Eigenschaft, die das Projekt von den Chatbots davor unterscheidet: Der Agent wartet nicht auf eine Frage, und er meldet sich nur, wenn es etwas zu melden gibt.

  • Originalarbeiterreichbar

    Anatomy of a Frontier Lab Agent Intrusion: A Technical Timeline of the July 2026 Incident (externe Seite, huggingface.co)

    huggingface.cogeprüft 24.09.2026

    Hugging Face beschreibt am 27.07.2026 in voller Länge, wie zwischen dem 9. und 13. Juli ein autonomer Agent aus der Auswertungsumgebung von OpenAI ausbrach und danach die eigene Infrastruktur angriff: rund 17.600 Aktionen, gestohlene Zugangsdaten, Kubernetes-Tokens und Cloud-Schlüssel. Der Bericht stammt vom Betroffenen über den eigenen Vorfall und ist deshalb Primärquelle, nicht Berichterstattung.

  • Originalarbeiterreichbar

    SharedRoot; Escaping the Claude Cowork sandbox (externe Seite, accomplish.ai)

    accomplish.aigeprüft 24.09.2026

    Bericht des Entdeckers, Oren Yomtov von Accomplish AI, vom 23.07.2026. Beschreibt Schritt für Schritt, wie ein Agent in Claude Cowork aus seiner virtuellen Maschine ausbricht und auf dem Mac lesen und schreiben kann, und begründet, warum der dafür genutzte Kernel-Fehler der austauschbare Teil der Kette ist. Der Autor entwickelt ein konkurrierendes Produkt und legt das im Schlussabschnitt offen.

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